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Jahresbericht 2006
Hoffnung ist keine Sache theoretischer Einsicht
oder gar einer Prognose -
es ist eine Sache des Handelns.
Rechenschaftsbericht des Friedensarbeiters Ernst Dertmann
Diözesanversammlung 24. September in Münster-Nienberge
„Der Himmel hat den Menschen als Gegengewicht zu den vielen Mühseligkeiten des Lebens drei Dinge gegeben: die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen“, so können wir bei IMMANUEL KANT lesen. Alles drei ist mir persönlich erhalten geblieben und hat meine Arbeit als Friedensarbeiter in diesem Berichtsjahr beflügelt.
Hoffnung ist die Leidenschaft für das Mögliche. Da stellen sich für diesen Bericht zwei Fragen: Was war im letzten Jahr möglich? Gab es ausreichend Leidenschaft für dieses Mögliche?
Für dieses Berichtsjahr will ich einen anderen Berichts-Stil wählen: Quartalsweise soll aufgelistet werden, was an vielfältigsten Aktivitäten möglich war, zu besonders herausragenden Begebenheiten werden ein paar Fußnoten hinzugesetzt.
Das neue Direktorium der Bistumsleitung Münster führt erstmals - und bundesweit bislang einzig - „unsere“ drei Gedenktage auf:
- 27. Januar (Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus: Gebet um Frieden und Toleranz)
- 8. Mai (Gedenken an alle Opfer des 2. Weltkrieges: Gebet für alle Opfer von Gewalt und Terror)
- 9. November (Gedenktag für alle von den Nationalsozialisten ermordeten Juden: Gebet um Versöhnung)
Zu diesen Daten ist die Geistlichkeit im Bistum nunmehr gehalten, dieser historischen Daten zu gedenken. Dies eine kleine Sensation, deren Wirkung wir nicht unterschätzen sollten. Jedenfalls haben andere Bistumsstellen über den Erfolg unserer Unternehmung sehr gestaunt und uns zu diesem Erfolg beglückwünscht.
Um beim letzten Datum anzufangen: Unsere Veranstaltung zum 9. November in Münster findet wieder ein volles Haus. Gedenklesung eines autobiografischen Berichtes, mit Gitarren-Musik umrahmt. Erneut in den Räumlichkeiten des Kirchenfoyers Ecke Lambertikirche/Salzstraße. Erneut gemeinsam mit dem Kirchenfoyer eingeladen. Kurzfristig steigt die KSHG aus und erklärt: „das ist nicht unser Thema“, worauf ich nur antworten kann: „Schade!“
Auch in anderen Orten haben PAX CHRISTI-Gruppen Gedenkfeiern zur Pogromnacht 1938 vorbereitet und wesentlich mitgestaltet. Material hatte ich in manche Gruppen geschickt. In Coesfeld war ich auch im Berichtsjahr am 8.11. in der ehemaligen Synagoge mit einem eigenen Beitrag (Rigaprojekt) beteiligt.
Daß ich zu mehreren Schulbesuchen zum Thema „Reichspogromnacht 1938“ im Bistum unterwegs war, sei hier nur festgehalten.
Als Zeitzeuge für Frieden und Aussöhnung war Dr. Heinz Missalla am 10. November 2004 unser Gast. Ferdi Kerstiens hatte die Funktion des Interviewers übernommen. Kennzeichen auch dieses Abends: spannende Gespräche / Diskussionen über die Verstrickung der kath. Kirche in den Zweiten Weltkrieg. Wiederum waren über 40 Teilnehmende erschienen. Diese Reihe, die wir mit dem Franz-Hitze-Haus machen, zählt schon jetzt zu den erfolgreichsten Veranstaltungsreihen der Akademie und auch für PAX CHRISTI im Bistum.
Nach vielen Enttäuschungen und auch Ernüchterungen auf der Suche nach Gesprächs- und Bündnispartnern in den benachbarten Niederlanden bin ich mit Anna und Manfred Laumann am 25.11. erstmals in Enschede in der Friedenskirche gewesen: zu einem neuen Anlauf deutsch-niederländischer Projekte. Diesem ersten Treffen sind weitere gefolgt. Beteiligt: niederländische Friedensaktivisten, die „Oase e.V.“ (Gronau-Losser) und PAX CHRISTI, Bistumsstelle Münster. Aus mehreren Überlegungen für deutsch-niederländische Projekte stand sehr bald die Vorbereitung einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag des Endes Zweiter Weltkrieg auf dem Gelände der Oase, dem Standort unseres Versöhnungskunstwerks „von Angesicht zu Angesicht“ fest.
Die Vorbereitungstreffen zu unserem Neunten Politischen Nachtgebet am 3. Dezember mit dem Titel „Saure Trauben – stumpfe Zähne“ (Predigt Dr. Heinz Vokkert) standen im weiteren in meinem Kalender. Auch zu diesem Neunten Politischen Nachtgebet haben wir gemeinsam mit der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V.“ eingeladen.
Sehr außergewöhnlich war im Dezember 2004 eine Einladung der IG-Metall-Bezirksleitung und des Betriebsrates der Firma Niessing in Vreden, am 23.12. an einer Demonstration gegen die Stillegung des Betriebes in Vreden im Zuge der Globalisierung teilzunehmen. So fiel - auch in den Medien - unsere PAX CHRISTI-Fahne an der Seite der KAB-Fahne und den IG-Metall-Fahnen vielen auf. Der herzliche Dank des Betriebsrates für meine Teilnahme hat mir sehr gut getan.
Das neue Jahr fing ja gut an: unser Kollege Computer machte uns im Büro heftig zu schaffen. Keine elektronischen Nachrichten nahm er mehr an und wir konnten auch keine versenden. Er streikte auf voller Linie, stürzte permanent ab, wann er, aber nicht wir, wollte(n) und fing sich auch noch einen Virus ein. Am 6. Januar sah auch ich dann einen Stern: der Computer funktionierte wieder, nachdem er von morgens 11 Uhr bis abends 23 Uhr völlig neu formatiert und installiert war. Umfangreiche Zusendungen nimmt er seitdem erst gar nicht an, und nicht alle angehängten Dateien öffnet er. Das gibt uns etwas mehr Sicherheit. Apropos e-mails: In diesem Zusammenhang sei mal erwähnt, daß meine Büroarbeit sich sehr seit der e-mailerei verändert hat. Einen Großteil der Bürozeit verbringe ich nun mit der Bearbeitung von elektronischen Nachrichten. In vielen Fällen erleichtert und vereinfacht und beschleunigt das die Arbeit. Aber: wenn noch ein Brief geschrieben würde mit Umschlag und ner Briefmarke drauf, dann würde sich mancher sicherlich überlegen, ob die Post unbedingt sein muß. Aber: dieses neue elektronische Verfahren ist auch von der Informationsseite her insofern demokratischer, als ich mails von mehr oder minder wichtiger Bedeutung sehr schnell an alle Mitglieder der SprecherInnengruppe weiterleiten kann. Und auch Textbearbeitungen sind wesentlich einfacher geworden. Wünschenswert wäre sicherlich, wenn die Mitgliedschaft vermehrt ihre e-mail-Adressen melden würde. Fixer und aktueller könnten die Informationsweitergaben sein! Zu unserem Friedensgottesdienst in der Gastkirche zu Recklinghausen (mit unserem Geistlichen Beirat Ferdi Kerstiens und Bernhard Lübbering) am 8.Januar 2005 waren wiederum zahlreiche Mitglieder unserer Bewegung erschienen, erstmals auch viele unserer PAX CHRISTI-Hochschulgruppe. Aus meiner Sicht heraus tut es gut, mit PAX CHRISTI-Freundinnen und -Freunden gemeinsam (mit Gottesdienst und anschl. lockerem Beisammensein) ins Neue Jahr zu starten. Eine besonders gelungene Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag der Auschwitzbefreiung fand am 27. Januar 2005 in Vreden statt. Die Vredener PAX CHRISTI-Gruppe, Vertreter aller Kirchengemeinden und SchülerInnen und LehrerInnen des Gymnasiums, der Realschule und einer Hauptschule, sowie der Leiter der Vredener Musikschule nahmen an mehreren Vorbereitungstreffen teil. Die Gedenkveranstaltung im Vredener Rathaus wurde auch durch die Mitwirkung der jüdischen Gemeinde in Winterswijk (NL) eine eindrucksvolle. Offizielle Vertreter der Stadt warteten mit Grußworten auf und eindrucksvoll schilderte ein ehemaliger niederländischer Zwangsarbeiter seine Zwangszeit in Deutschland und ein junges PAX CHRISTI-Mitglied seinen Besuch in Auschwitz. Ein junger Pole aus Wadowice war ebenso mit einem Beitrag beteiligt wie eine Ordensschwester, eine Mutter, ein Lehrer, ein Betriebsrat. In relativ kurzer Zeit war ein sehr gutes Programm erarbeitet worden. Diesen Eindruck nahmen auch die über 100 Teilnehmenden mit nach Hause. Ein ausführliches Pressegespräch hatte für mehrere und gute Veröffentlichungen gesorgt. Den Anstoß zu diesem christlich-jüdischen und deutsch-niederländischen Gedenken mit besonderer Beteiligung der Schulen hatte ich gegeben. Ich bin sehr dafür, daß dieser 27. Januar ein festes Datum in Vreden wird. Um diesen 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz rankten sich für mich zahlreiche Termine: u.a. habe ich in einer Coesfelder Realschule mehreren hundert Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort gestanden und war u.a. auch in Dülmen im Gymnasium, in der Herta-Lebenstein-Realschule in Stadtlohn. Auch zu Jahresbeginn standen mehrere deutsch-niederländische Gesprächstermine in Enschede (NL) in meinem Kalender. Ein Erfolg war sicherlich auch die Veranstaltung mit Hans Koschnick am 10.2. in der Reihe „Zeitzeugen für Frieden und Aussöhnung“, den zu interviewen ich das Vergnügen hatte. Über 100 Teilnehmende zählte dieser Abend im Franz-Hitze-Haus. Und inzwischen gibt es eine illustre Reihe befragter Zeitzeugen: Dechant Fritz Leinung (interviewt von Ernst Dertmann), mit Gisela Wiese (interviewt von Ernst Dertmann), mit Dr. Paulus Engelhardt (interviewt von Ferdi Kerstiens), mit Alt-Bischof Hermann-Josef Spital (interviewt von Veronika Hüning), Dr. Ferdinand Kerstiens (interviewt von Ernst Dertmann), Dr. Heinz Missalla (interviewt von Ferdi Kerstiens), Ruth Weiss (interviewt von Uli Jost-Blome), Hans Koschnick (interviewt von Ernst Dertmann). Diese Veranstaltungsreihe machen wir gemeinsam mit der Akademie und zählt für die und uns fast schon zum Brauchtum. Besonders gespannt dürfen wir auch auf die nächsten beiden Termine sein: am 28. September 2005 kommt als Zeitzeuge der große polnisch-deutsche Aussöhner Prof. Dr. Wladyslaw Bartoszewski, Auschwitz-Häftling und ehem. Polnischer Außenminister (Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels und zahlreicher anderer Auszeichnungen). Zur übernächsten Zeitzeugen-Veranstaltung können wir Sr. Lea Ackermann (Frauenhandel und Kinderprostitution) am 27.4.2006 in Münster begrüßen. Uli Jost-Blome: „Eigentlich müßte man an eine Veröffentlichung denken!“ Ich zu ihm: „Sag ich doch schon seit Beginn der Reihe!“ Mit unserem geistlichen Beirat Ferdi Kerstiens war ich am 15. Februar 2005 in Havixbeck, zum Thema „Religion und Gewalt“. Hilfestellung zu einer neuen Gruppengründung habe ich zeitgleich nach Burgsteinfurt gegeben wie auch über die Grenze nach Wadowice (Polen). Auch im Berichtsjahr habe ich wiederum eine Werkwoche auf Spiekeroog durchgeführt: „Sehnsucht Insel - Spiritualität und gesellschaftliches Engagement“ war das Thema. Vom 7.-11. März mit 27 jungen Leuten aus ganz Deutschland (wiederum erfreuliche inhaltliche Gespräche mit allen Teilnehmenden von 8 h morgens bis 1 h nachts. Insofern sehr anstrengend, aber auch sehr schön und ermutigend und zum Teil bewegend, was die gemeinsamen Meditationen in der Inselkirche betrifft. Apropos Werkwochen: methodisch werden in allen Werkwochen
- zunächst die Spannweite des Unbehagens, der Kritik, der Vorbehalte, der Ängste zum anstehenden Problemfeld ergründet, die Gegenwartsbedingungen so umfassend wie möglich erfaßt: Beschwerde- und Kritikphase - Bestimmungen des Ist-Zustandes formuliert
- Auf der so gewonnenen Grundlage erfolgte das Erfinden positiver, wünschbarer Perspektiven, das Entwickeln von Phantasien und Visionen, um das Unbehagen, die Hauptkritikpunkte gegenstandslos zu machen: Phantasie- und Utopiephase - Entfaltung des Wunschhorizontes
- Schließlich wird die Frage nach der Durchsetzung des Gewünschten gestellt, indem durch Rückkopplung zu den realen Verhältnissen, Forderungen, Erfindungen und Projektvorschläge erarbeitet werden: Verwirklichungs- und Praxisphase - Klärung des Handlungspotentials
Für alle Veranstaltungen galt bislang: am meisten wurden am Ende der Veranstaltungen die Ausgangspunkte Kunstbilder und Märchen gelobt, mit denen ich in die Gespräche und Diskussionen einführte.
Apropos Kunst: Ja, es ist ja wahr, daß es von jeher die Aufgabe der Kunst gewesen ist, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist. Ohne Kunst würde der Mensch das Essentielle des Menschseins verlieren. Wer Unsichtbares begreifen will, muß die Augen auftun und das Sichtbare wahrnehmen, wer in die Ferne denken will, muß beobachten, was nahe bei ihm, auf diese Erde, geschieht. Wer ausdrücken will, was in ihm lebt, der wird es in Bildern der äußeren Welt tun, eben weil die Seele und die Welt von denselben Bildern leben. Denn schöpferisch ist ein Mensch, der die Bilder seiner Seele in der sichtbaren Wirklichkeit zu spiegeln vermag. Und auch mein sanfter Zwang, von jedem Anwesenden eine Stellungnahme zu erbitten, ist nicht verworfen, sondern akzeptiert und am Ende gelobt worden. Z.B. zum Thema Sterbehilfe.
Und auch immer diese ähnliche Erfahrung: 45 Prozent der TeilnehmerInnen haben sich im nachhinein bei mir gemeldet. Geschrieben, angerufen, sind vorbeigekommen: in Münster, in Stadtlohn, hatten Nachfragen zu PAX CHRISTI, wünschten Informationsmaterial über uns, hatten spezielle Nachfragen zu speziellen Themenbereichen.
In einem sehr ausführlichen Gespräch mit Dr. Kinkelbuer vom Friedensforum Münster haben wir am 22. März im Büro Überlegungen zu gemeinsamen Aktivitäten zu einem Friedenstag im September in Münster angestellt. Erstmals ist PAX CHRISTI in diesem Jahr an dieser Friedenswoche beteiligt.
Etwas ganz außergewöhnlich ist die Einladung des Rotary-Club zu einem Vortrag am 23. März Vortrag in Greven über die Entgrenzung des Friedensbegriffes und die inhaltlichen Denk- und Arbeitsansätze von PAX CHRISTI gewesen. Das Echo war sehr positiv und groß auch das Interesse, auf Nullbasis blieb leider allerdings die auch erhoffte Finanzspritze für unsere Arbeit.
Apropos „Rotary“: gemeinsam haben z.B. Hans Dietrich Genscher, John f. Kennedy und Thomas Mann, daß sie Rotarier sind. Rotarier? Für manchen klingt das nach Geheimbund. Nach Elitezirkel. „Geheim“ stimmt nicht, Rotarier suchen die Öffentlichkeit. „Elite“, na ja, die Rotarier verstehen sich als ein Netzwerk von Führungskräften: jeweils nur 1 Vertreter eines Berufsstandes ist vertreten. Wöchentliche Treffen - Anwesenheitspflicht. Gemeinsames Essen und dann Vortrag und Diskussion zu irgendeinem Thema. Rotary, das ist eine weltumspannende Organisation, die als Serviceclub ein großes Rad dreht. Weltanschaulich nicht gebunden, überparteilich. Wahlspruch: „Selbstloses Dienen“. In Deutschland 42 700 Mitglieder in 14 Distrikten. Die Idee dazu wurde vor 100 Jahren geboren.
Vorbereitet habe ich ein Seminar im Franz Hitze Haus „Freiwillige Friedensdienste im Ausland“ am 15.-16.April - immer das Thema eines weiteren festen Standbeins im Jahresverlauf: als gemeinsame Veranstaltung von PAX CHRISTI, Franz-Hitze-Haus und Kinder- und Jugendseelsorger Bistum Münster. Die Einbindung dieser Freiwilligendienste in Friedensarbeit ist dabei immer mein Part wie die Moderierung der Erfahrungsberichte von RückkehrerInnen. Das sind immer Tagungen voller Engagement und Begeisterung. Die genauen Auswertungen durch die TeilnehmerInnen machen sehr großen Mut. Im Gefolge haben diese Veranstaltungen immer auch vermehrte Nachfragen nach Infomaterial über PAX CHRISTI. Im Büro habe ich zu Freiwilligendiensten im Ausland mittlerweile eine Reihe von Adressenlisten und Übersichten, die ich gerne an Interessierte weitergebe. Erstellt habe ich dazu auch einen Foliensatz - das Zauberwort heißt Powerpoint - „Freiwillig ins Ausland: welche Angebote gibt es?“, den ich als Diskette auch gerne an Interessierte weitergeben kann. Im übrigen sind auch kleinere Veranstaltungen zu diesem Thema sehr sinnvoll und bieten einen guten Einstieg für weitere Gespräche. Und: ich komme gerne in alle Gruppen. Auch dahin, wo es keine PAX CHRISTI-Gruppen, aber PAX CHRISTI-Lehrer und vereinzelte PAX CHRISTI-Menschen gibt.
In der Zeit zwischen den beiden Päpsten habe ich die beiden sehr umfangreichen Dokumentenbände mit allen Predigten, Texten und Erklärungen des Bischof Clemens August Graf von Galen durchgearbeitet und aus diesen fast 2000 Seiten auf 30 Seiten Exzerpte daraus für die SprecherInnengruppe zubereitet. Der Bischof von Galen und der Zweite Weltkrieg. Das war für mich sicherlich die bislang mühsamste und zeitaufwendigste Zuarbeit für die SprecherInnengruppe. Der Hintergrund: es stand eine Erklärung zu diesem - besonders in Münster - sehr heikel-sensiblen Thema an. Da wäre manch Lied davon zu singen: z.B. am 10. Mai 2005: heftige Sitzung des Sachausschusses „Gerechtigkeit, Frieden, Mission“. Grund: ich hatte das Thema Bischof von Galen und der 2. Weltkrieg zum Thema gemacht. Steine waren nicht vorhanden, sonst ...
Diese Erklärung und weitere Texte zu Bischof Clemens August sollten in der Korrespondenz veröffentlicht werden und die rechtzeitig zu den Bistumstagen anläßlich des 1200 jährigen Bistumsjubiläums erscheinen. Um den Finger auf diese Wunde (Kriegsbejahung von Galens) zu legen muß mensch sehr gut gerüstet sein und standhaft. Das Schuldbekenntnis ist der Preis der Hoffnung. Ohne ein Bekenntnis von Schuld kann Hoffnung nicht formuliert werden, kann Hoffnung nicht sein, steht immer in der Gefahr, in Ideologie, Verblendung, schönem Schein zu enden.
Ein unbelegbares Zitat hat mich auf eine intensive Forschungsreise geschickt. Einer übernahm das Zitat vom anderen mit unterschiedlichen Quellenangaben. Da war der Germanist in mir gefragt. Nach langem Suchen konnte diese Textstelle verifiziert werden und die SprecherInnengruppe konnte korrekt zitieren.
Diese in der Korrespondenz veröffentlichte Erklärung der SprecherInnengruppe habe ich vorab und unmittelbar an alle 8 Bischöfe in Münster verschickt. Bislang keine Antwort. Das große und tapfere Schweigen der Hirten. In einem zweiten Schritt habe ich allen kirchlichen Medien die Erklärung zukommen lassen (Kath. Nachrichtenagentur, Kirchenzeitung, Publik Forum, Pressedienst des Bistums etc.). Auch da: Stille im Getriebe. Nur eine kleine Notiz in PuFo. Im dritten Schritt sind alle weiteren Medien (Rundfunk und Fernsehsender, überregionale und lokale Zeitungen) „bedient“ worden. Nirgends und nichts ist veröffentlicht worden. Hautnahes erleben von Totschweigen. Nur das ZDF kam plötzlich und unerwartet am 31. August zu Filmaufnahmen ins Büro. Mein Statement soll in einem Film-Beitrag (wohl sehr gekürzt, wie ich mal so vermute) untergebracht werden. Sendetermin am 12. Oktober zur besten Sendezeit: 0 Uhr 5. Ach ja, und die „Frankfurter Rundschau“ wollte alle Texte haben. Haben sie natürlich jetzt.
Ähnlich ist es uns mit der Erklärung der SprecherInnengruppe zur Wahl und Amtseinführung Papst Benedikts XVI. ergangen. Ebenfalls an alle Medien gegangen. Ebenfalls keinerlei Veröffentlichung bekannt. Hier vermutet ich, daß das Thema für die Medien nicht mehr aktuell genug war.
Apropos „Korrespondenz“: Unübersehbar ist, daß die Korrespondenz - das wichtigste Informations- und Bindeglied der Bistumsstelle zu allen Mitgliedern unserer Bewegung - wieder regelmäßig erscheint. Und dies mit drei Ausgaben pro Jahr. In der Redaktion arbeiten Marga Bispinck, Gisela Hinricher, Ferdi Kerstiens und ich. Wir tagen regelmäßig vor den Sitzungen der SprecherInnengruppe und legen die Inhalte der nächsten Ausgabe fest, halten Rückblick auf die vergangene Ausgabe und teilen uns die Aufgaben. Ohne Übertreibung liegt die meiste Arbeit dann aber bei mir: Einholen der Artikel, Schlußredaktion und Zusammenstellen der Beiträge, Auswahl und Zuordnung des Bildmaterials. Verhandlungen mit dem Layouter und Übergabe des gesamten Druckmaterials. Neu ist im technischen Verfahren: ein junger Mitarbeiter Martin Jeschar aus Ahaus scannt das gesamte Bildmaterial ein, das ich für ihn ausgesucht habe. Daraus werden Foto-DC`s erstellt. Diese Fotos werden in unsere Fotosammlung im Computer übertragen, aus denen ich wiederum eine Fotoauswahl für die einzelnen Artikel auswähle und daraus eine eigene CD für den Layouter Arnd erstelle. Der trifft dann die letztendliche Auswahl der Bilder (auch nach Qualität der Bilder) und regelt deren Plazierung in den Heften. Ein vereinfachtes und zuverlässiges Verfahren. Um das nur mal zu erwähnen: 2 Wochen Zeit braucht die Druckerei, unser Layouter 4 Wochen für die Arbeit. Pünktliches Abliefern versprochener Artikel sind also unerläßlich und machen manches Nachbohren meinerseits verständlich. Die Redaktionsarbeit macht großen Spaß, verlangt von mir aber manche Wochenendarbeiten. Der Schweiß der Arbeit wird aber weggewischt durch das durchweg sehr positive Echo auf die je neue Ausgabe.
Unterm Strich ist das erste Quartal 2005 auch für mich persönlich sehr erfreulich gewesen: ich konnte meinen dritten Arbeitsvertrag bei PAX CHRISTI unterschreiben. Ohne Abstriche mache ich meine Arbeit für unsere gemeinsame Sache mit großem Vergnügen sehr sehr gerne. Auch deswegen, weil ich darin bestärkt werde, daß Hoffnung nicht hauptsächlich eine Sache theoretischer Einsicht oder gar einer Prognose ist, es ist eine Sache des Handelns. Ob ich ein hoffender Mensch bin, läßt sich kaum an meiner Prognose ablesen, sondern an meiner Praxis. Sie wird nicht ernährt durch gute Gründe, sondern durch die Güte des Handelns. Vielleicht muß der zynisch werden, der viel weiß, aber aus der Rolle des Zuschauers nicht herauskommt. Die Welt und der Lauf der Dinge leuchten dem nicht ein, der nur Zuschauer ist. Für die Bewahrung der Schöpfung z.B. zu demonstrieren, das hat seinen Sinn in sich. Daran nagt der Zweifel nicht, oder wenigstens weniger als an der Seele des reinen Zuschauers. Gegen den Tod kämpfen, schließt Lebenszweifel aus, vermindert die Frage der Hoffnungslosigkeit. Es ist merkwürdig, daß in den Texten von MARTIN LUTHER KING oder von HELDER CAMARA, die in ihrer Welt für Freiheit und Brot der Armen gekämpft haben, die Frage nach dem Erfolg ihrer Handlungen nicht auftaucht. Die Frage nicht auftaucht, ob die Arbeit sinnvoll ist. Die Arbeit selbst, die sie getan haben, hat ihnen die Sucht ausgetrieben, den Erfolg garantiert zu sehen.
Als Christen wissen wir nicht, wie die Welt wird, aber wir wissen, was aus ihr werden soll. Wir haben keine Garantie für die Zukunft, aber wir haben eine Reihe von Versprechungen, Vorstellungen, Visionen, Liedern die eine Welt besingen, wie sie sein und werden soll. Bei den zahlreichen Gesprächen mit den Mitgliedern unserer Bewegung erfahre ich immer, Teil einer auch deutlich spirituellen Gemeinschaft zu sein, die aus Geschichten vom Recht gebaut ist, aus Geschichten davon, daß die Lahmen tanzen und die Blinden sehen. In PAX CHRISTI haben wir eine Gegensprache, selbst wenn wir nicht immer an diesem Leben ablesen können, daß Hoffnung trotz alledem möglich ist, so bestärken wir uns mit den uralten Geschichten und Erfahrungen der Hoffnung. Es gibt wenig Nester in unserer Gesellschaft, in denen die Geschichten der Freiheit für alle, die Geschichten des Brotes für alle erzählt werden. Dies aber zu erfahren und zu erleben habe ich deutlicher als je zuvor von und mit unserem geistlichen Beirat Ferdi Kerstiens gelernt und bin ihm dafür vor allem anderen auch persönlich sehr dankbar.
Nach den vielen Terminen zum 60. Jahrestag der Auschwitzbefreiung war der Mai geprägt von vielen Gedenkveranstaltungen: 60. Jahrestag des Endes Zweiter Weltkrieg. Zu einer öffentlichen Vortragsveranstaltung in Gescher am 3. Mai war
Dr. Heinz Missalla angereist und immerhin 30 Teilnehmende angeradelt.
Ja, und das war schon eine kleine Sensation: Niederländer
und Deutsche trafen sich auf der deutsch-niederländischen Grenze an
unserem Versöhnungskunstwerk „Von Angesicht zu Angesicht" am 5. Mai zu
einem Gedenktag zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Der Verein „Oase
e.V.", Vredenskerk Enschede und PAX CHRIOSTI. Dies war in etlichen
Zusammenkünften vorbereitet worden. Daran, daß das 5. Mai-Komitee
Enschede es abgelehnt hatte, offiziell zu diesem gemeinsamen Gedenken
einzuladen - weil die Zeit auch 60 Jahre danach
noch nicht reif erschien - ist ablesbar, welche Bedeutung und welche
Seltenheit unser deutsch-niederländischer Gedenktag hatte. Zu Beginn
feierten wir einen ökumenischen Gottesdienst u.a. mit Ralf Brokfeld und
Ferdi Kerstiens und luden nach einem stärkenden Mittagessen zu zwei
Fahrtrouten ein: Bus- und Fahrradtour. Ziel der Routen waren
Kriegerdenkmale auf beiden Seiten der Grenzen. Mit dem Bus ging es nach
Enschede, wo wir die offizielle und beeindruckende Gedenkstätte zum
Kriegsgeschehen besuchten, nach Winterswijk (wo uns der ehem.
Zwangsarbeiter Herr Pontier mit seiner Frau erwartete und uns die
Gedenkstätten erläuterte, nach Vreden mit einer Führung von Willi
Weelink, nach Stadtlohn zum Ehrenmal, das im Laufe der Jahrzehnte immer
wider erweitert und ergänzt wurde, und in die
Herta-Lebenstein-Realschule, in der uns Manfred Laumanns Schwiegersohn
Schülerprojekte zum Thema „Auschwitz" vorstellte. Über 150 Teilnehmende
aus den Niederlanden und Deutschland haben sich an diesem Gedenktag
beteiligt und belebten den Sinn unseres Versöhnungskunstwerkes. Mit
einer Vesper und einem Grillabend wurde dieser Tag beendet.
Und es gab eine weitere Gedenkveranstaltung in Gescher zum Thema „ZwangsarbeiterInnen in Gescher"
am 13. Mai. Bei den Stationen des gemeinsamen Gedenkganges
(evangelische Kirche, Rathaus, Friedhof) wurden erstmals die Namen
aller 430 ZwangsarbeiterInnen in Gescher (aus Frankreich, Polen,
Rumänien, Niederlande, Italien, Sowjetunion) genannt. Das Foto in der
Presse zeigt Veronika neben dem Bürgermeister mit einem Blumengesteck
und unser junges Mitglied Maik Weelink und mich auf dem Friedhof eine
Kerze anzündend.
Auch mehrere Schulbesuche im Mai in Münster waren dem 60. Jahrestag des Kriegsendes gewidmet.
Apropos Schulbesuche: in einem Rechenschaftsbericht hatte ich dazu
ausführlich ausgeführt. Hier deshalb nur so viel: PAX CHRISTI muß Schule machen. Ja und ja. Deshalb freue ich mich immer ganz besonders über
Einladungen, in Schulen zu kommen. Und in zahlreichen Schulen im ganzen
Bistum war ich wiederum im Berichtsjahr als Euer Friedensarbeiter zu
Gast. Im Religionsunterricht, Kunstunterricht, Geschichts- und
Politikunterricht, Ethikunterricht. Oder es sind Projekttage, zu denen
ich eingeladen werde. Die Themen sind meistens: Vorstellen von PAX
CHRISTI als kath. Verband, Erinnerungsarbeit Auschwitz, Riga, Zweiter
Weltkrieg, Entschuldung und Nord-Südkonflikt, Werte- und
Gewissensbildung, Pazifismus und Bergpredigt, aktuelle Kriege (Kosovo,
Afghanistan, 11. September, Irakkrieg), Kriegsdienstverweigerung und
Zivildienst, Friedensvorstellungen in der darstellenden Kunst,
Lebensorientierungen und authentisches Leben, Friedensdienste im
Ausland, Vorbilder für Frieden und Aussöhnung, mein Leben und die
Inhalte meines Engagements.
Apropos Schulbesuche: Meine Erfahrungen
mit SchülerInnen sind jedenfalls: Sie sind unmittelbar aufgeschlossen
für alles, was sie innerlich empfinden können. Sobald die Rede ist von
Dingen, die sie träumen lassen, die ihnen fühlbar werden, die sie
sensibel machen, öffnet sich ihr Herz und werden die Augen weit.
Meinem
Vortrag mit spontanen Nachfragen folgen in der Regel fragend
entwickelnde Unterrichtsgespräche, provozierende Thesen mischen und
muntern wieder auf, Textanalysen: gemeinsame Entdeckungen,
Bildanalysen: gemeinsame Entdeckungen. Am Ende verabschiede ich mich
wie bei ERICH KÄSTNER in „Pünktchen und Anton": „Seht zu,
wenn ihr groß seid, daß es jetzt anders und besser wird. Uns ist es
nicht ganz gelungen. Werdet anständiger, ehrlicher, gerechter und
vernünftiger, als die meisten von uns waren! Die Erde soll früher
einmal ein Paradies gewesen sein. Möglich ist alles. Die Erde könnte
wieder ein Paradies werden. Alles ist möglich!"
Es paßt in diesen Zusammenhang, daß PAX CHRISTI sehr zahlreich am 6. Juni in Billerbeck an einer öffentlichen Veranstaltung mit Frau Prof. Dr. Gertrude Schneider (Wien/New York), einer Überlebenden des Ghettos Riga beteiligt war. Klaus Bresser vom ZDF moderierte die Beiträge, mit dabei
der sich sehr um die Gedenkstätten in Riga kümmernde
Bundestagsabgeordnete Winni Nachtwei (Bündnis 90/Grüne). Die
Billerbecker werden sich die Augen gerieben haben (wie Rudolf Schulze
Bertelsbeck treffend anmerkte), daß das Pressefoto fast nur angereiste
PAX CHRISTI-Menschen festhielt: Gruppe Coesfeld, Maik Weelink und den
Friedensarbeiter.
Eine Vernetzung besonderer Art brachte das Seminar mit Hildegard Goss-Mayr aus Wien. Hildegard Goss-Mayr, seit fast 50 Jahren (lange zusammen mit Jean Goss
(+1991)) im Namen des Internationalen Versöhnungsbundes unterwegs in
vielen Ländern der Welt, um politische Führungskräfte und Unterdrückte
für den gewaltfreien Widerstand gegen Elend, Ausbeutung und Diktaturen
zu schulen, "damit Feinde Freunde werden". Sie
ist davon überzeugt, daß Gewaltfreiheit der einzige Weg ist, um wahren
Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen. Für sie bedeutet das allerdings
nicht ein passives Abwarten, sondern radikalen Einsatz für die Rechte
der Menschen. Sie ersetzt Gewalt durch die Macht der Wahrheit, der
Gerechtigkeit und der Liebe. Die Kraft zu einem solchen Leben schöpft
sie aus der Weisung und dem Leben Jesu. Die kath. Hochschulgemeinden Oldenburg, Koblenz und Vechta und PAX CHRISTI im Bistum Münster hatten dazu für die Tage vom 12. - 14. Mai nach Rastede im Oldenburgischen eingeladen. Das
Thema: „Der Mensch vor dem Unrecht - Spiritualität eines Engagements
für Frieden und Gerechtigkeit". Es war gut, daß einige PAX
CHRISTI-Mitglieder aus dem hohen Norden daran teilnahmen, denen sonst
der weite Weg nach Münster zu aufwendig ist.
Ach ja, und dann kamen ja auch noch die Castortransporte nach Ahaus. Mein Kalender hält fest:
- Pressegespräch mit der Münsterland-Zeitung am 23. Mai 2005
- Der Thesenanschlag zu Ahaus am 24. Mai (unsere Thesen mit Forderungen zu einer neuen, weil
menschenfreundlichen Ethik) - Rathaus, ehem. Kreishaus, Kirche St.
Maria Himmelfahrt, am Zwischenlager. Gut beschützt und begleitet von
einem Polizeiaufgebot
- Informationsstände in der Ahauser Fußgängerzone am 30. und 31. Mai (Ferdi ist dabei und Mitglieder der Coesfelder Gruppe
- Auftaktdemonstration am
30. Mai (zahlreiche Funk- und Fernsehinterviews mit mir u.a. mit wdr,
NDR, N 24, n-tv, RTL, niederl. Fernsehen - die sich wunderten, daß eine
Internationale katholische Friedensbewegung ihr Friedensengagement im
Gleichklang mit der Bewahrung der Schöpfung sieht
- Großdemonstration in Ahaus mit über 3000 Menschen am
13. Juni - auch die Coesfelder Gruppe ist wieder stark vertreten - und
so wehen mehrere PAX CHRISTI-Fahnen für die Bewahrung der Schöpfung
Und zwischen den Castortransporten unser Zehntes Politisches Nachtgebet am 2. Juni 2005: „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: Die Stricke des Jochs zu entfernen"(Jes. 58,6 ) mit einer Predigt von Dr. Ferdinand Kerstiens.
Das Nachtgebet war zwar in der evangelischen Christuskirche zu Ahaus,
aber diesmal war die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. als
Mitträger ausgeschieden. Es hatten sich im Laufe der Zeit Irritationen
eingestellt, die jetzt durch klärende Gespräche überwunden werden
sollen. Jedenfalls wollen beide Mitträger der bisherigen Politischen
Nachtgebete auch weiterhin, daß dieser Protest für die Bewahrung der
Schöpfung ökumenisch bleibt.
Die Vorbereitungen unserer Mitwirkung und Präsenz an den Bistumstagen 1.-3. Juli in Münster im Rahmen des 1200jährigen Bistumsjubiläum waren für mich sehr mühsam und mit Arbeit beladen. Zu viele
Entscheidungsgremien arbeiteten wenig effektiv zusammen. Zusammen? Über
ein halbes Jahr z.B. habe fast wöchentlich nach einem Kirchenort für
unser Angebot Politisches Nachtgebet gesucht. Aber alle Mühen hatten
sich am Ende doch gelohnt:
Wir können sehr zufrieden sein,
- daß am Freitag, 1. Juli 2005 in Münster unser Politisches Nachtgebet äußerst gut besucht war. Wir hatten nicht gedacht daß zu
mitternächtlicher Stunde die Clemenskirche bis auf den letzten Platz
besetzt war. „Laß dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute" (Röm 12,21) Weltweite Gewalt vor der Frage der Globalisierung"
war das Thema dieses Politischen Nachtgebetes (Predigt: Dr. Ferdinand
Kerstiens). Weihbischof Dr. Voß betätigte sich auch als Küster. Unser
Generalsekretär Dr. Reinhard Voß an der Orgel. Positivste Rückmeldungen
- daß am Samstag, 2. Juli 2005 unser Forum „Visionen des Friedens statt pax americana" (Kunstbildmeditationen mit Ernst Dertmann)
im Kolping Tagungshotel zu früher Morgenstunde unerwartet gut besucht
war. Die Gespräche über meine Meditationen und über die Kunstbilder
waren erfrischend, zu Herzen gehend und das Echo der Teilnehmenden fast
überschwenglich positiv
- daß am Samstag, 2. Juli 2005 in Münster unser Informationsstand auf dem Markt der Möglichkeiten sehr gut besucht wurde, unser Generalsekretär Dr. Reinhard Voß
beteiligte sich ebenso daran wie unsere Vizepräsidentin Veronika Hüning
- daß am Samstag, 2. Juli 2005 in Münsters Apostelkirche das Musikalisch-literarisches Gedenken an die Wiedertäuferbewegung „Gewalt ist keinem Christen erlaubt" - PAX CHRISTI und Versöhnungsbund als Veranstalter - ein großes Echo gefunden hat.
Nach meinem Jahresurlaub war ich wieder sehr schnell in vieler Arbeit: es gab große Nachfragen nach der von Galen-Erklärung der SprecherInnengruppe und den Text-Dokumenten. Die Nachfragen kamen von PAX CHRISTI-Einzelmitgliedern und Publik Forum-Lesern - bundesweit, vor allem aus Süddeutschland.
Es gab auch zahlreiche Einzelanfragen mit zahlreichen Sonderwünschen:
Material zu Zivilen Friedensdienst, Material zum 11. September. Lehrer
baten um Unterrichtsmaterial zur Verschuldungssituation in der 3. Welt,
zu Friedensutopien, zu Wegen aus der Gewalt. Ich habe Materialien
zusammengestellt. Natürlich. Und natürlich nicht zu knapp.
Es waren die nächsten Veranstaltungen anzugehen:
- Unser Studientag der Region Oldenburg am 8. Oktober in Oldenburg zum Thema „Freiwillige Friedensdienste im Ausland". Diesmal mit dabei: die Organisation EIRENE und Rückkehrer.
- Der einwöchige Shalom-Kurs in Freckenhorst mit der Verleihung eines Friedenszertifikats vom 10.-14. Oktober 2005.
In einem Gespräch mit Hermann Flothkötter haben wir auch schon ins
nächste Jahr gedacht: ein weiterer Shalom-Kurs findet statt vom 28.
August - 1. September 2006
- unser Studientag der Region Niederrhein in Kevelaer am 15. Oktober 2005, Themenvorschlag aus Kevelaer: „Gute Mächte" (Edith Stein, Dietrich Bonhoeffer, Clemens August von Galen)
- Der Flüchtlingstag am 26. November 2005 mit Weihbischof Dr. Voß „Leben in der Illegalität / Auswirkungen des neuen Zuwanderungsgesetzes" in der Landvolkshochschule Freckenhorst. Zum Flüchtlingstag laden
gemeinsam ein: PAX CHRISTI, Diözesancaritasverband und das Referat
Ausländerseelsorge im Generalvikariat.
- PAX CHRISTI und Franz Hitze-Haus am 8. Dezember 2005: Der Erfinder Heinz Rath stellt seine privat entwickelte neue Minenräum-Technologie vor und berichtet über die Situation in minenverseuchten Ländern wie Angola und Afghanistan,
er stellt den Einsatz des „Minenwolf" in Bosnien-Herzegowina und
anderswo vor und diskutieret mit uns über politische Herausforderungen
nach dem Ottawa-Abkommen.
- In Überlegung ist eine gemeinsame Tagesveranstaltung im Franz Hitze-Haus zu Rüstungsexporten.
Und auch dies sei noch festgehalten:
- Das Riga-Projekt (PAX CHRISTI und Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge) wirkt immer noch nach: Eine der beiden Teamerinnen
ist häufiger bei mir zu Besuch, Teilnehmende schreiben auch nach einem
Jahr mir noch ihre positiven Eindrücke und besuchen mich. Das spricht
für sich.
- Ende Juni 2005 wurde in Riga (dem Ort der Vernichtung der Juden aus Westfalen) am Gelände des ehemaligen KZ Kaiserwald (das wir im letzten Jahr kaum finden konnten, weil nichts an das Grauen erinnerte) ein Erinnerungsdenkmal eingeweiht. Genau an der Stelle, an der wir vor einem Jahr einen Psalm
gesprochen und eine Kerze entzündet hatten. Unser Bischof Reinhard
Lettmann hatte dafür 500 Euro gespendet. Auf den Fotos erkenne ich
Herrn Bergmanis und Herrn Vestermanis wieder (Überlebende des KZ
Kaiserwald), mit denen wir gesprochen und die uns durch das Rigaer
Ghetto geführt hatten. In den Rigaer Zeitungen lese ich jetzt: „ka ari Minsteres organizacija PAX CHRISTI" (anderes bleibt mir unerschlossen). Auch das Fernsehen in Lettland hat darüber berichtet.
- Verschweigen will ich auch nicht, daß ich mehrfach ausführliche Stellungnahmen und Darstellungen an Schüler und Studenten zu Themen unserer Friedensarbeit,
zu PAX CHRISTI im Bistum Münster und zur Person des Friedensarbeiters
in der Bistumsstelle Münster geschrieben und verschickt habe: nach
Frankfurt, Aachen, Essen, in Orte unseres Bistums.
- Zwischendurch habe ich erneut Besuche bei Gruppen im Bistum gemacht. Weiterhin habe ich mich über ihre Anfragen und
Hilfestellungssuchen gefreut, die unkompliziert laufen und auf einer
unverkrampften Offenheit zueinander basieren. Über die gastlichen
Aufnahmen und Bewirtungen in manchen Haushalten unserer Mitglieder habe
ich mich gefreut und häufiger bedankt. Um das mal hier einfach zu
sagen: alle Termine kann ich nicht wahrnehmen - wenn sie auf einen Tag
fallen. Aber: ich habe bislang noch keine Einladung - von wem auch
immer - nicht angenommen. Allen Einladungen in die Gruppen bin ich
gerne gefolgt. Die Arbeit vor Ort ist mir allemal wichtiger als
womöglich im Büro zu hocken, um zu warten, bis jemand anruft. Dazu bin
ich immer noch zu umtriebig, zu ungeduldig auch immer noch.
- Viel Zeit nehme ich mir nach wie vor im Büro für Besucher und habe auch im Berichtsjahr mehrere zig Infopäckchen über unsere Arbeit an Interessierte geschickt.
Da häufig die Frage aufgeworfen wird: wie geht es mit PAX CHRISTI im Bistum Münster weiter und wo bleibt der Nachwuchs?
will ich aus meiner Sicht mal so sagen: Die Arbeit für Jüngere hat im
Bistum Münster einen ganz hohen Stellenwert. Gibt es eine
Hochschulgruppe PAX CHRISTI außer in Münster anderswo? Und es kommen
auch manche junge Leute als Mitglieder zu uns.
- Ich finde meinen Optimismus immer noch begründet, finde auch manche Einschätzungen bestätigt: das Generationsbewußtsein ist illusionslos - was wenig mit Weltuntergangsstimmung zu tun hat.
- die Jungen-Generation ist reflexiv - was sie erheblich von den expressiven Jugendkulturen der 60er und 70er Jahre unterscheidet
- Ihre Lebenserfahrungen sind weitgehend mediatisiert,
doch zugleich können sie die aufdringliche Präpotenz der elektronischen
Medien und der Werbesprache trefflich ironisieren und relativieren
- Die Strukturen, in denen sich Jugendliche engagieren, sind kaum hierarchisiert. Hierarchien bilden sich, wenn überhaupt, eher spontan und informell
aufgrund von längeren oder kürzeren Erfahrungen und unterschiedlichen
Persönlichkeiten, die Rangfolgen sind jedoch flexibel. Auch jeder
„Neuling" wird sofort an sämtlichen Entscheidungen beteiligt. Die
Gruppe der AktivistInnen kann Ziele und Weg (weitreichend) selbst
bestimmen. Stehen überhaupt größere Erwachsenenstrukturen und
-interessen im Hintergrund, so sollten sie sich vor allem als
Dienstleister und Ratgeber auf Abruf anbieten
- Jugendliche engagieren sich nicht mehr aus einem Pflichtgefühl heraus. Sie sind nicht bereit, ihre Freizeit für Termine zu opfern, die
sie als „unangenehm" und „Streß" empfinden. Sie wollen Spaß haben -
auch bei der Beschäftigung mit ernsten Angelegenheiten. Das setzt
voraus, daß sie ihre Alltagskultur - ihre Sprache und ihre Rituale, ihr
Outfit, ihre Musikleidenschaft - nicht verleugnen müssen
- Wenn Jugendliche sich engagieren, ist mitunter der Weg das Ziel: sie wollen nicht nur etwas Bestimmtes erreichen, sondern schon auf dem Weg dahin nette Leute kennenlernen, Freundschaften für den Alltag knüpfen (Kontaktbörsen für Cliquen und Singles)
- Wenn sich Jugendliche engagieren, dann in eindeutigen, punktgenauen, zeitlich limitierten Lobby-Gruppen.
Läßt sich das Ziel nicht erreichen, steigen sie aus oder versuchen es
auf anderen Wegen. Interessenkonflikte, wie sie Parteien und andere
Großorganisationen mit gesamtgesellschaftlichem Repräsentanzanspruch
auszeichnen, taktische Rücksichtnahmen auf andere „Fraktionen" oder
„übergeordnete" Interessenlagen (zum Beispiel in Wahlkampfzeiten) sind
ihnen wesensfremd
- Jugendliche erleben Zeit anders als Erwachsene. Sie (er)leben alles
intensiver, also rennt ihnen die Zeit ständig davon. Für Jugendliche
kosten zehn Minuten Langeweile gleich Stunden ihres Lebens ... So
suchen sie Strukturen, die es ihnen ermöglichen, sofort zu handeln. -
Sie haben keine Zeit und nicht das Bedürfnis, das Objekt ihrer Empörung (zum Beispiel die Atom-Technologie) erst monatelang zu studieren,
sich durch die Komplexität des Themas entwaffnen, ihrer Spontaneität
berauben zu lassen. Sie sind ungeduldig, eher visuell als
textorientiert, wissen, daß eine zu intensive, langandauernde
Beschäftigung mit einem Thema ihre Tatkraft absorbiert. Sie vertrauen
auf die Richtigkeit ihres Gefühls und der (zumeist durch Medienberichte
ausgelösten) moralischen Empörung - und schreiten zur Tat. Strukturen,
in denen Jugendliche sich engagieren, müssen Aktionsmöglichkeiten
bieten, Kopf und Körper der Jugendlichen ansprechen und beanspruchen
und last but not least als Wirkungsbeleg die öffentliche, also mediale
Sichtbarkeit des Engagements gewährleisten
- Die Ziele der Gruppen, in denen sich Jugendliche engagieren, sind gegenwartsbezogen,
ihre Realisierung scheint oft „greifbar nahe". Obwohl ihr Engagement in
der Regel auf einem rigoros fundamentalistisch vertretenen
humanistischen, ökologischen und Gewalt ächtenden Grundverständnis
basiert, beinhalten ihre konkreten Zielsetzungen selten
gesamtgesellschaftliche Forderungen an Politik und Wirtschaft - also
zum Beispiel nicht die gesetzliche Ächtung von Rassismus, sondern die
Rücknahme einer konkreten Abschiebung oder
diskriminierenden Maßnahme im direkten Lebensumfeld der Jugendlichen.
Die Ziele müssen realistisch und in einem überschaubaren Zeitrahmen
erreichbar sein
- Jugendliche sind bereit, sehr viel Energie in eine Sache zu investieren, doch dies nur so lange, wie sie es für sinnvoll und spannend erachten.
Bewegungen, in denen sich Jugendliche engagieren, müssen ihnen die
Möglichkeit lassen, von Anfang an hundertprozentig mitzuwirken und
ebenso jederzeit wieder aussteigen zu können. Organisationen, die
Mitgliedsausweise und langjährige Funktionärstätigkeit zur
Voraussetzung voller Akzeptanz machen, sollten sich nicht wundern, wenn
sie ohne Nachwuchs bleiben
- Unsere Themen sind auch die Fragen von Jugendlichen
- Wie ich mit dem, der ich eigentlich sei, übereinstimmen kann, wie ich
der bleiben kann, der ich bin, auch wenn andere um mich her mir
vorschreiben wollen, was ich zu tun habe. Wie ich meinen eigenen
Ausdruck finden, wie ich authentisch werden, mit meinen Möglichkeiten auf den Punkt kommen, in Einklang mit mir selbst sein kann. Wie ich mir das Goethe-Wort zueigen machen kann: „Was euch nicht angehört, müsset ihr meiden" - das treibt junge Menschen um. Und dazu könnten wir eine ganze Menge sagen, denke ich.
Abschließend soll vom Dank die Rede sein. JOHANN WOLFGANG VON GOETHE sah den eigentlichen Wert des Lebens darin, daß es Gelegenheit zum Dank gibt: „Nur weil es dem Dank sich eignet, ist das Leben schätzenswert". So danke ich allen für Sponsorengeld und Begleitung meiner Arbeit, die ich nach wie vor sehr sehr gerne tue.
Dank an Karl-Heinz für die gute und meistens nicht knirschende Zusammenarbeit. Karl-Heinz, isset so?
Dank
allen in der SprecherInnengruppe, der ich gut zuzuarbeiten bemüht war
und bin - und in der ich mich sehr wohl fühle und freundschaftlich
angenommen.
Wenn
es richtig ist, daß Tapferkeit vernunftbestimmter Einsatz für
schwierige Ziele ist, Bereitschaft zum Kampf auch mit Verwundungen,
aber auch zum Standhalten, dann wünsche ich uns allen weiterhin sehr
viel von dieser Tapferkeit. An meinem Einsatz soll und wird es dabei
nicht mangeln.
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