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Impuls zum 16. August 2926

Zum 20. Sonntag im Jahreskreis

Von Ferdinand Kerstiens (Marl), pax christi Münster

Christlicher Antijudaismus
Die Geschichte des christlichen Antijudaismus hat eine lange Spur durch die Geschichte gezogen: Diskriminierung der Juden, Gettoisierung, Berufsverbote, Massenmord. Dieser Antijudaismus bestimmte in den unterschiedlichen Epochen und Ländern unterschiedlich stark die Einstellung der Christen. Aber er war tief verwurzelt. Er geht bis in die neutestamentliche Zeit zurück. Später galten „die“ Juden als Gottesmörder. Alles Leid, das sie erfuhren, war nur gerechte Strafe dafür. Man wandte sich gleichgültig ab, oder man rechtfertigte sogar die eigene Gewalt gegen die Juden damit. Die Kirchen schwiegen oder unterstützten diese fatale Praxis. In der Karfreitagsliturgie wurde für die „ungläubigen“, die „perfiden“ Juden gebetet. Diese Geschichte des christlichen Antijudaismus gehört mit zur geistigen Vorbereitung des Antisemitismus, zur Vorbereitung von Auschwitz. 

Die Kirchen haben in der Nazi-Zeit weitgehend zum Völkermord an den Juden geschwiegen. Nur einzelne Christinnen und Christen haben sich für die Juden eingesetzt. Verschiedene Synoden der Evangelischen Kirche, mehrere Bischofskonferenzen und auch der Papst haben nach 1945 für Teilnahmslosigkeit und Mitschuld der Kirche um Entschuldigung gebeten, manchmal jedoch auch sehr halbherzig und spät.  Doch damit ist es nicht getan. Es geht um die Aufarbeitung dieses Antijudaismus, dieses Antisemitismus, damit er nicht mehr das Bewusstsein der Christen verwirren kann. Nur so kann eine Theologie nach Auschwitz glaubwürdig werden. Nur so können christliche Kirchen weiterleben. Wir müssen der Opfer gedenken und in ihrem Schrei die eigene Geschichte neu sehen lernen, zur eigenen Schuld stehen. Gerade heute, wo der Antisemitismus wieder aufflammt und zur neuen Diskriminierung und zu Verbrechen führt, ist es eine wichtige Aufgabe der christlichen Kirchen, dem entgegen zu wirken.

Lesung: Röm 11,13-15.29-32
„Euch, den Heiden, sage ich: Gerade als Apostel der Heiden preise ich meinen Dienst, weil ich hoffe, die Angehörigen meines Volkes eifersüchtig zu machen und wenigstens einige von ihnen zu retten. Denn wenn schon ihre Verwerfung für die Welt Versöhnung gebracht hat, dann wird ihre Annahme nichts anderes sein als Leben aus dem Tod …
Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt. Und wie ihr einst Gott ungehorsam wart, jetzt aber infolge ihres Ungehorsams Erbarmen gefunden habt, so sind sie infolge des Erbarmens, das ihr gefunden habt, ungehorsam geworden, damit jetzt auch sie Erbarmen finden. Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen.“

Auslegung
Hätten die christlichen Kirchen doch mehr auf Paulus gehört! Er war ein leidenschaftlicher Jude und blieb es auch als Heidenmissionar. Paulus war traurig darüber, dass die Juden in ihrer Mehrzahl Jesus Christus ablehnten.  Er war jedoch überzeugt, dass letztlich auch die Angehörigen seines auserwählten Volkes gerettet werden. Gott steht zu seinem Bund. Denn „unwiderruflich sind Berufung und Gnade“. So predigt er den anderen Völkern von der Rettung im Glauben an Jesus Christus. Aber diese Völker stehen nicht besser da als die Juden. „Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen.“

Vor Gott stehen alle gleich da, sowohl in ihrer Schuld wie in dem Erbarmen, das Gott allen schenken will. Es besteht also kein Grund für eine Überheblichkeit der Christen oder für eine Distanzierung von den Juden, schon gar nicht für all das, was Christen den Juden im Laufe der Geschichte angetan haben. Paulus weiß sich bleibend als Jude in der heiligen Geschichte Gottes mit den Juden verankert und erinnert auch alle Christen an diese Verankerung ihres Glaubens in der Glaubens-Geschichte des jüdischen Volkes: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Röm 11,18) Leider wird dieser grundlegende Satz für die bleibende Verwurzelung der Christen im jüdischen Glauben in der Mitte der heutigen Lesung ausgelassen. Die Wurzel, die uns als Christen trägt, ist die gläubige Geschichte des jüdischen Volkes. Das ist im Laufe der Geschichte immer mehr aus dem Bewusstsein verschwunden und dieses Vergessen oder Verdrängen hat dann den Boden für die jahrhundertelange Feindschaft gelegt.

Heute bricht sich ein neues Verständnis Bahn: Es gibt nur einen Bund Gottes mit den Menschen. Der Bund mit Noach gilt allen Menschen. Gott hat diesen Bund dann spezifiziert im Bund mit Abraham. Doch dieser Bund ist nicht exklusiv. „Durch dich sollen alle Völker der Erde Segen erlangen.“ (Gen 12,3) Auch der Abrahamsbund gilt als Segen für alle, nicht nur für das auserwählte Israel. Diese Tradition ist vielfach durch die Propheten aufgegriffen worden. In diesem Bund sind und bleiben Juden und Christen miteinander und mit Gott verbunden. Auch die Muslime gehören nach ihrem Selbstverständnis zu diesem Abrahamsbund. Die Christen glauben, dass Gott diesen Bund noch einmal durch Jesus Christus erneuert und vertieft hat, um endgültig deutlich zu machen, dass er trotz aller Schuld der Menschen zu diesem Bund steht und das Heil aller Menschen will. Manche Stellen im Neuen Testament, die wie eine Verurteilung aller Juden aussehen, meinen in Wirklichkeit nur bestimmte Gruppen von Juden. Nicht „die“ Juden haben geschrien „Ans Kreuz mit ihm“, sondern nur von den Tempelpriestern aufgeheizte Gruppen. Manche Stelle im Neuen Testament können als beginnende Feindschaft zwischen Christen und Juden verstanden werden, während sie in Wahrheit zunächst nur Auseinandersetzungen innerhalb des Judentums waren. In späterer Zeit, als sich die Christen immer mehr von den Juden absetzten, sind dann solche Stellen in der Auslegung verschärft worden.

Die Christen bekennen: durch den Juden Jesus sind wir gerettet, der von der gläubigen Jüdin Maria geboren wurde und dessen Botschaft gläubige jüdische Frauen und Männer zunächst aufgenommen und an die anderen Völker weitergegeben haben, so dass diese Botschaft dann auch uns erreichte. Jesus selber überschreitet im heutigen Evangelium (Mt 15,21-28) die Grenzen des jüdischen Volkes durch die Heilung der Tochter der kananäischen Mutter, weil er ihren Glauben erkannte.

Aus all diesen Gründen war und ist es eine schreckliche Perversion, wenn sich Christen für ihr mörderisches Verhalten „den Juden“ gegenüber auf ihren Glauben und auf das Neue Testament berufen. Auch jede Art von Judenmission verbietet sich von hier aus. Die Juden sind und bleiben unsere Väter und Mütter im Glauben. Sonst würden wir auch nicht in allen Gottesdiensten aus ihren Schriften lesen und von ihren Verheißungen leben. Die Juden sind und bleiben unsere Schwestern und Brüder im Glauben, da wir zusammen auf das Reich Gottes zugehen, das allen verheißen ist. Nur von hier aus, aus der Mitte unseres christlichen Glaubens, können wir die Wurzeln des christlichen Antijudaismus und Antisemitismus ausreißen und eine neue Geschichte mit den Juden unserer Tage eröffnen. Das zweite Vatikanische Konzil bekennt die Schuld der Christenheit und bestätigt gegen manchen Widerstand durch seine Erklärung „Nostra aetate“ diesen Wandel im Verständnis des Judentums. Ich fürchte, dass hier noch ein langer Bewusstseinsprozess in den christlichen Kirchen und in den Herzen der Christinnen und Christen nötig ist. Wir können nur darauf vertrauen, dass Gott diese Schuld vergibt und Christen und Juden und alle Menschen retten wird, auch uns. Nur so können wir aktiv beitragen zur notwendigen Überwindung des Antisemitismus, zum Frieden zwischen Juden und Christen, zum Frieden in unserer deutschen Gesellschaft.

Gebet
Gott, können wir nach Auschwitz noch beten?
so wird von vielen gefragt.
Ja, weil in Auschwitz gebetet wurde, sagen manche.

Doch uns versagen die Worte
angesichts der Schuld der Christenheit und unseres eigenen Volkes.
Viele meinten sogar, es sei fromm und richtig,
die Juden zu verachten und zu morden. Unbegreiflich.
Kannst du diese Schuld vergeben?

Wie können wir weiter beten
zu dir, dem unbegreiflich gütigen Gott,
dem Gott des Bundes mit Noach, Abraham und Jesus?
Schenke uns Einsicht und Umkehr, 
Zukunft und neue Hoffnung
für das Miteinander aller Völker und Religionen. 

Nachwort
Bisher ist nur vom Verhältnis Christen und Juden die Rede gewesen. Aber wie ist es mit dem Staat Israel? Den zu unterstützen ist „deutsche Staatsraison“. Ja, der Staat Israel ist als sichere Heimstatt für alle Juden die weltweite Antwort auf die schrecklichen Verbrechen gegen die Juden, vor allem eine Antwort auf die deutschen Verbrechen in der Nazizeit, Zeichen einer Bekehrung, keine Wiedergutmachung: die ist nicht möglich. Deswegen ist seine Existenz unbedingt zu schützen. 

Doch die Solidarität mit den Juden und ihrem Staat heißt nicht eine unbedingte Unterstützung der jeweiligen Regierung. Der Staat Israel muss sich um seiner eigenen glaubwürdigen Zukunft willen an das Völkerrecht halten. Deswegen ist meiner Überzeugung nach Kritik an der gegenwärtigen Regierungspolitik Israels gegen die Palästinenser in Gaza und der Westbank, sowie die Kritik an dem gemeinsam mit den USA begonnenen Krieg gegen den Iran kein Zeichen des Antisemitismus, sondern im Gegenteil, ein Eintreten für die Zukunft des Staates Israel im Frieden mit seinen Nachbarn, den Palästinensern, die ebenfalls das Recht haben, in einem eigenen Staat sicher zu leben. Die deutsche Regierung, die öffentliche Meinung tun sich schwer mit dieser Kritik, doch bleibt sie nötig, wenn Menschenrecht und Völkerrecht für alle Staaten zukunftsträchtig sein sollen, auch für Israel. „Der Bundesvorstand der internationalen katholischen Friedensbewegung pax christi fordert die Bundesregierung auf, gegenüber der israelischen Regierung endlich Wirksames zur Beendigung der Gewalt gegenüber der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland, in Ostjerusalem und im Gaza-Streifen zu unternehmen und die Europäische Union in ihren Bestrebungen dazu nicht weiter zu blockieren. Sonst trägt sie eine schwere Mitverantwortung für jede weitere Vertreibung und jeden weiteren Toten und Verletzten.“ (Erklärung vom 5.8.2026)  Waffenlieferungen in diese Kriegszone sollten auf jeden Fall tabu sein.  Das gilt natürlich auch für die unterschiedlichen Nachbarstaaten, die vom Islam bestimmt sind. Christen haben es zudem in allen Staaten des Nahen Ostens schwer. 
  
Theologisch gesprochen ist der Anspruch Israels auf das ganze Land zwischen „Fluss und Meer“, weil Gott es den Juden geschenkt hat, ein schreckliches, fundamentalistisches Missverständnis von Glaube, Religion und Gott.